
Schwefelhaltige Odoriermittel: Daten und Fakten
Erdgas hat von Natur aus keinen Eigengeruch. In der Vergangenheit wurden ihm schwefelhaltige Odoriermittel beigemischt, um vor Explosionsgefahr zu warnen. Aus ökologischer Sicht ist dies heute nicht mehr vertretbar. Als 2001 der schwefelfreie Warngeruch Gasodor S-Free auf den Markt gebracht wurde, gab es noch kritische Stimmen. Mittlerweile ist das umweltfreundliche Odoriermittel erfolgreich im Einsatz.
„Ökologische und technische Vorteile von Gasodor S-Free überzeugten uns von Anfang an “, sagt Markus Königshofen, Bereichsleiter Netzservice der Energieversorgung Hildesheim GmbH & Co. KG (EVI). „Nach mehr als sechs Jahren im Praxistest sehen wir unsere Entscheidung von damals bestätigt.“
Die EVI leistete 2003 Pionierarbeit: Als erster städtischer Energieanbieter in Deutschland stellte das Unternehmen die Verwendung von schwefelhaltigen Odoriermitteln ein und setzte auf die umweltfreundliche Alternative Gasodor S-Free.
Mit dem Einsatz von Gasodor S-Free wollte der Energieversorger seinen Beitrag zum Umweltschutz und zu hoher Sicherheit leisten. Zusätzlich sprachen wirtschaftliche Vorteile für das Produkt. „Langfristig gesehen ist Gasodor S-Free günstiger als herkömmliche Odoriermittel, da wir weniger einsetzen müssen“, erklärt Königshofen. Als einzige Herausforderung habe sich lediglich der Prozess der Umstellung herausgestellt.
Einflussgrößen im Umstellungsprozess
Ein halbes Jahr vor Einführung des neuen Odoriermittels hat die EVI Polizei, Feuerwehr, Installateure und alle Mitarbeiter im Umgang mit dem neuen Warngeruch Gasodor S-Free intensiv geschult. Kurz vor der Umstellung wurden auch alle Kunden informiert: mit Briefsendungen, in denen auf Geruchsfeldern das neue Produkt gestestet werden konnte, und mit einer groß angelegten Promotion-Aktion in der Hildesheimer Fußgängerzone. „Wir bauten eine Geruchsmaschine auf und ließen die Passanten das neue Produkt testen“, berichtet Königshofen. „Gasodor S-Free wurde eindeutig als Warngeruch identifiziert.“ Mit diesen Maßnahmen konnte die EVI sicher gehen, dass ihre Kunden zeitgleich zur Umstellung den neuen Warngeruch im Erdgas kennen. „Eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit ist für die Umstellung unerlässlich“, sagt Königshofen. Diese Erfahrungen unterstützt auch eine vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfachs e.V. (DVGW) in Auftrag gegebene Studie zur Wiedererkennung des neuen Warngeruchs im Erdgas vergangenen Jahres. Dort heißt es: „Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass sich das Wahrnehmungsverhalten der Kunden bei Umstellung auf schwefelfreie Odorierung nicht verschlechtert hat und dass Gasodor S-Free von der Bevölkerung als Gaswarngeruch erkannt wird. Um Gaskunden für den im Vergleich zu schwefelhaltigen Odoriermitteln unterschiedlichen Gasgeruch zu sensibilisieren, sollten im Vorfeld einer Umstellung umfangreiche Informationsmaßnahmen durchgeführt werden.“ Im Februar 2003 stellte die EVI auf das umweltfreundliche Odoriermittel um – und seitdem läuft der Betrieb für Anbieter und Kunden reibungslos.
Nachhaltig angelegt
Jörg Müller, Global Category Manager Gasodorization bei Symrise, freut sich über diesen Langzeiterfolg und sagt: „Mit Gasodor S-Free haben wir ein Produkt entwickelt, das Versorgern, Gaskunden und der Umwelt eine Menge Vorteile bietet.“ Gasodor S-Free ist schwefelfrei und daher umweltfreundlicher als herkömmliche Odoriermittel, aufgrund seines intensiven Warngeruchs garantiert es eine hohe Sicherheit, und es ist wirtschaftlich effektiver, weil es im Vergleich zu schwefelhaltigen Produkten einen geringeren Odoriermittelverlust aufweist. Die Vorteile von Gasodor S-Free sind kein Geheimnis mehr – es wird zunehmend auch außerhalb Deutschlands in Ländern wie Österreich, Tschechien, Slowakei, Russland und China eingesetzt. „Tendenz steigend“, sagt Müller. „Wir haben täglich neue Anfragen von Energieanbietern.“ Um zehn Prozent sei die Nachfrage aufgrund der neuen Emissionsgesetze im vergangenen Jahr allein in Deutschland gestiegen. „Nach mehr als acht Jahren setzt sich Gasodor S-Free immer mehr durch.“
In der Einführungsphase sah das noch ganz anders aus. Immer wieder wurden kritische Stimmen laut, und eine ganze Industrie schien zunächst die Augen vor einer weltweiten Innovation verschließen zu wollen. Diplom-Ingenieur Heribert Kaesler, Leiter Kompetenzcenter Gasqualität von E.ON Ruhrgas AG, hat sich damals für die Entwicklung und den Einsatz von Gasodor S-Free ausgesprochen. „Es wurde Zeit, umweltfreundliche, aber auch sichere Alternativen zu schwefelhaltigen Odoriermitteln zu entwickeln“, sagt Kaesler. Seit 2007 setzt E.ON Hanse das Produkt in drei Bundesländern erfolgreich ein.
In der Vergangenheit verursachten schwefelhaltige Odoriermittel immer wieder Verwechslungen mit alltäglichen Gerüchen. Jüngstes Beispiel im Mai 2008: In Köln sorgte ein vermeintlich nach Gas riechender Koffer auf dem Flughafen Köln/Bonn für große Aufregung. Mitarbeiter wurden beim Verstauen des Gepäcks auf den Gasgeruch aufmerksam und verständigten Sicherheitskräfte sowie Polizei. Nach einer Überprüfung des Koffers stellte sich heraus, dass sich darin lediglich große Mengen in Knoblauch mariniertes Fleisch befanden. Die Knoblauchmarinade hatte in der Wärme offenbar den gasigen Geruch verursacht.
Eignungstests
Bevor das schwefelfreie Odoriermittel Gasodor S-Free auf den Markt gebracht wurde, hat die DVGW-Forschungsstelle am Engler-Bunte-Institut umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen zur Eignung von Gasodor S-Free durchgeführt. Neben der Bewertung von Geruchscharakteristik und -intensität wurden zahlreiche technische Aspekte wie das Sorptionsverhalten an Rohrleitungsmaterialien oder Fragen zur Messtechnik untersucht, und es wurde die Praxistauglichkeit im Rahmen von mehreren Feldtests gemeinsam mit der Gaswirtschaft nachgewiesen. Dr.-Ing. Frank Graf, zuständiger Abteilungsleiter der DVGW-Forschungsstelle, fasst zusammen: „Aus den Ergebnissen des Forschungsprogramms können keine Nachteile beim Einsatz von Gasodor S-Free im Vergleich zur Odorierung mit den in Deutschland verwendeten schwefelhaltigen Odoriermitteln abgeleitet werden.“
Darüber hinaus hat Prof. Robert Hess vom Schweizer Institut WT Consulting GmbH nachgewiesen, dass das schwefelfreie Odoriermittel keinen Anhalt für eine Sensibilisierung der Atemwege gibt. Dazu wurde in der Studie eine alltägliche Situation simuliert – das Anzünden eines Gasherds. Vor dem Entflammen des Gases treten als Bestandteil des Geruchsstoffs Gasodor S-Free auch so genannte Acrylate aus. Diese können eine leicht allergene Wirkung besitzen, allerdings nur in entsprechender Konzentration. Die ermittelten Werte von Acrylaten in dieser nachgestellten Situation wurden mit zulässigen Grenzwerten am Arbeitsplatz verglichen.
Der ermittelte Wert in der Atemluft lag weit unter ein Tausendstel der zulässigen Arbeitsplatzgrenzwerte. „Im Hinblick auf die bisherigen Erfahrungen bei Menschen ist unter dieser Voraussetzung eine Sensibilisierung, insbesondere der Atemwege nicht zu erwarten“, ergibt die Studie.
Umweltverträglich?
Der Umweltschutz ist die größte Herausforderung unserer Zeit. Gasodor S-Free ist eine mögliche Antwort darauf. Es setzt neue Maßstäbe in der Erdgas-Odorierung, denn es ist das erste DVGW-typgeprüfte schwefelfreie Odoriermittel weltweit und verbindet Umweltverträglichkeit mit hohen Anforderungen an Sicherheit, an Wirtschaftlichkeit und an Technik. Die EVI und die E.ON Hanse waren umweltbewusste Vorreiter, als sie sich für den Einsatz von Gasodor S-Free entschieden. Etliche andere Anbieter folgten ihnen im Laufe der Jahre und die Nachfrage nach einer schwefelfreien Erdgas-Odorierung nimmt weltweit zu – nicht nur aus ökologischen Gründen.
Dieser Artikel ist in Sicherheitsingenieur 04/2009 erschienen.